Von Dr. Ernst Becker, 1947-1961 Direktor der Kunststoff-Fabrik Troisdorf der Dynamit AG vorm. Alfred Nobel & Co. (DAG), später Dynamit Nobel AG (DN), stammt der folgende Text aus dem Jahre 1961, der die Troisdorfer Pionierleistungen auf dem Kunststoffgebiet aus erster Hand beschreibt.

E. Becker war Mitglied im Vorstand des Gesamtverbandes der kunststoffverarbeitenden Industrie (GKV), Mitglied im Vorstand der Arbeitsgemeinschaft Deutsche Kunststoffindustrie (AKI), Präsidiumsmitglied der Arbeitsgemeinschaft industrieller Forschungsvereinigungen Otto von Guericke e.V. (AiF) und Vorsitzender der Forschungsgesellschaft Kunststoffe e.V. (FGK) (Trägerin des Deutschen Kunststoff-Instituts (DKI), Darmstadt).

Troisdorfer Pionierarbeit an Kunststoffen

E. Becker, Werkszeitschrift Dynamit Nobel, 1, 6-7 (1961)

Die Kunststoff-Industrie ist keine ganz junge Industrie. Schon im vorigen Jahrhundert gab es eine beachtenswerte Fabrikation von Kunststoffen auf der Basis von abgewandelten Naturstoffen. Es waren das Celluloid und Vulkanfiber mit Cellulose als Grundlage sowie Kunsthorn mit Milch-Casein als Grundstoff. Die Erzeugnisse dieser Industrie waren der Allgemeinheit vor allem in Form von Puppen, Kämmen, Koffern und Knöpfen bekannt.
Seit den beiden Weltkriegen hat sich das alles grundlegend geändert. Es sind zahllose Kunststoffe hinzugekommen und auf Schritt und Tritt stößt man auf sie. Es gibt Fußböden, Telefonapparate, Radiogehäuse, Lampenschirme, Schalter, Dacheindeckungen, Karosserien, Wasser- und Abwasserrohre aus Kunststoff, um aus der Unzahl von Anwendungsmöglichkeiten nur einige wenige zu nennen. Es ist aber ein sehr weiter, mühevoller Weg, der von der Entdeckung eines Stoffes bis zu seiner Anwendung als Kunststoff führt. Es sei hier auf das interessante Beispiel des Polystyrols hingewiesen. Das monomere Styrol kommt u.a. im Leuchtgas vor und sein Polymerisationsprodukt, das Polystyrol, fiel nur dadurch unangenehm auf, daß es sich in den Gasuhren festsetzen konnte und diese dadurch blockiert wurden. Heute werden monatlich viele Tonnen Polystyrol verarbeitet, überall sieht man Gegenstände, die aus ihm hergestellt sind. Um diese Ziele zu erreichen, bedurften es viel Schweiß und Mühe. Aber auf dem langen Weg bis heute wurde noch eine andere schwierige Klippe überwunden. Seit dem 1. Weltkrieg war der Name Kunststoff vielfach mit dem Makel des Surrogats behaftet. Die Kunststoffe haben diesen Makel längst abgestreift, sie führen ihren Namen heute, nach drei erfolgreichen Kunststoff-Messen mit Stolz; ja fast wird manchmal des Guten zuviel getan und man verlangt im 'Jahrhundert der Kunststoffe' von diesen Stoffen einfach alles.
Die Troisdorfer Kunststoff-Fabrik hat für die Entwicklung der Kunststoffe sowohl in Deutschland wie in der Welt manche bahnbrechende Pionierarbeit geleistet, und wenn heute die Verwendung von Kunststoffen gewissermaßen Allgemeingut geworden ist, so ist das nicht immer so gewesen. Es gab Zeiten, in denen dieser oder jener Kunststoff erstmalig seinen Weg von Troisdorf zu den Verbrauchern antrat.
Von Troisdorf nahm also das Spritzgießen der Kunststoffe seinen Anfang. Heute ist daraus ein überaus bedeutender Industriezweig geworden, in dem die Acetylcellulose einen zwar immer noch beachtlichen Anteil hat, prozentual aber nur noch einen kleinen Teil der gesamten Spritzgussmassen überhaupt darstellt. Die bald angegliederte Tochtergesellschaft 'Eckert & Ziegler GmbH', Weißenburg, die Spritzgußmaschinen herstellt, hat sich um die Entwicklung dieser Maschinen große Verdienste erworben und nimmt auch heute noch einen beachtlichen Platz ein. Als die Herstellung des Polystyrols in technischem Maße gelungen war, als in Troisdorf die Eignung des Stoffes für Spritzgußzwecke erkannt war, galt es immer noch, große Schwierigkeiten zu überwinden. Die Spritzgußartikel würden trüb und rissig, es gelang in Troisdorf, die Ursachen hierfür zu ermitteln und den Weg für den Siegeszug dieses Stoffes freizumachen.
Nach 1918 wurde auch das Pressen von Gegenständen aus Phenolharzpreßmassen aufgenommen. Hier waren es insbesondere komplizierte Preßteile mit eingepressten Metallteilen, wie sie beispielsweise komplette Tischtelefonapparate darstellen, oder Großpreßteile, wie die damals außerordentlich großen Radiogehäuse, mit denen Troisdorf bahnbrechend voranging. Im Zuge dieser Entwicklung wurden aus dem Preßstoff Dynal ganz Karosserieteile und ähnlich große Teile für die Wehrmacht auf 5000-t und noch größeren Pressen hergestellt. Dynamit Nobel hat als eine der ersten Firmen der Welt die Preßmasse Pollopas auf den Markt gebracht, die in die Preßartikel die farbige Note brachte, die damals nur den Spritzgußmassen eigen war.
Es darf nicht vergessen werden, daß die ersten Folien in Troisdorf hergestellt wurden und daß die Kaschierung von Kunststoffen für Regenbekleidung und Faltboote in Troisdorf ihren Anfang gefunden hat.
Wenn heute die meisten Zuleitungen für elektrische Lampen und Geräte mit weißem oder farbigem Weich-PVC umhüllt sind, so ist die erste Kabelmasse in Troisdorf entstanden, die wegen ihrer schweren Brennbarkeit rasch großen Anklang fand, nicht zuletzt auch für elektrische Zünder für den Bergbau. Auch die Verarbeitung derartiger Kunststoffe auf Walzen, die über den Zersetzungspunkt erhitzt waren, wurde in Troisdorf erstmalig mit PVC-Mischpolymerisaten durchgeführt; sie ist aus der Technik des lösungsmittelfreien Pulvers entlehnt und wurde zum Vorbild für die Verarbeitung von PVC und vielen anderen Kunststoffen. Besonders zu nennen sind die in Troisdorf hergestellten Folien und Platten aus Mischpolymerisaten (Astralon), die eine vielseitige Verwendung fanden und nicht zuletzt für die Kartographie von, man kann fast sagen, umwälzender Bedeutung geworden sind. Schon damals begann man mit Tief- und Kaltziehen dieser Folien und Platten.
Auch bei der Herstellung von Schäumen aus Kunststoffen hat Troisdorf wesentliche Pionierarbeit geleistet. Das gleiche gilt für die Verwendung von Kunststoffen für Schallplatten (Tromiphon).
Zu den Troisdorfer Pionierarbeiten zählen die Arbeiten zur Verwendung von Kunststoffen für künstliche Gebisse, wenn sich auch später die Anwendung auf einen anderen Kunststoff verlagert hat, der nicht in Troisdorf fabriziert wird.
Interessant sind die ersten Versuche in Troisdorf von Verblasen von Kunststoffen, eine Technik, die im Lauf der Zeit immer größere Bedeutung erlangt hat. Weich-PVC-Platten wurden auch für Dichtungen aller Art erstmalig verwendet.
Auch nach dem 2. Weltkrieg ist Troisdorf seiner Tradition, als Pionier auf dem Kunststoffgebiet zu wirken, treu geblieben.
Natürlich kann, wenn einmal ein gewisser Stand in der Anwendungstechnik erreicht ist, nicht jeden Tag etwas absolut Neues gefunden werden. Die Hauptarbeit besteht in tausenderlei Verbesserungen, die nach außen weniger in Erscheinung treten. Auch haben mittlerweile eine Vielzahl von Unternehmen die Verarbeitung von Kunststoffen aufgenommen, so daß auch deshalb die Entwicklung völlig neuer Gebiete immer schwieriger wird.
Aber auch heute steht Troisdorf in vorderster Front und auch in neuester Zeit kann es auf ausgesprochene Pionierarbeiten hinweisen. Es seien nur einige Gebiete erwähnt: Es gelang beispielsweise ein Astralon zu entwickeln, das mit Hilfe des neuen Vakuum-Tiefzieh-Verfahrens tiefgezogen werden kann. Und in mühevoller Arbeit wurde ein 100%-ig geeignetes Bohrmaterial aus Hart-PVC für die Frischwasserversorgung und für Abwässer geschaffen. Pionierarbeit wurde auch in der Entwicklung eines gießfähigen Phenolharzschaumes für die verschiedensten Zwecke geleistet.


Günter Lattermann (2007)